Berührende Geschichten über Einsamkeit

Im Rahmen unserer Kampagne „Für mehr Miteinander“ mit dem aktuellen Themenschwerpunkt „Zusammen gegen Einsamkeit – unseren Zusammenhalt stärken“ haben wir Geschichten gesucht, die davon erzählen, wie jemand Einsamkeit überwunden hat oder wie Menschen anderen geholfen haben, sich wieder zugehörig zu fühlen.

Mit einer Veröffentlichung der berührendsten Geschichten möchten wir Mut machen und zeigen, wie das Miteinander in unserer Gesellschaft gelingen kann.

„Mein Weg aus der Einsamkeit“

Eine persönliche Reise zurück ins Leben
von Günter Bergmann

Einsamkeit fühlte sich für mich lange Zeit wie ein Schatten an, der mich überallhin begleitete. Nach einem Auszug von meinen Eltern im Alter von 24 Jahren in eine neue Stadt fiel es mir schwer, Anschluss zu finden.

Durch die diktatorische Erziehung meines Vaters habe ich nie gelernt, offen für neue Menschen zu sein und ich war unglücklich verliebt, traute mich nicht sie anzusprechen. Ich war auch nicht in der Lage, ganze Sätze zu bilden und mich mitzuteilen. Weil mein „Erzeuger“ in seinem „Erzeugerhaus“ mir dauernd den Mund verbot. Die Abende waren still, die Wochenenden zogen sich endlos in die Länge. Meine Gedanken quälten mich, wodurch ich schwere Depressionen bekam. Und ich fühlte mich nur nutzlos und erschöpft.

Doch eines Tages fasste ich den Entschluss „So kann es nicht weitergehen“.

Für sechs Monate begab ich mich ins Krankenhaus. Danach suchte ich mir psychologische Betreuung. Die Auflage war, ich sollte eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Anfangs war ich unsicher, ob ich dort Freude finden würde, doch schon nach dem ersten Treffen spürte ich die wohltuende Kraft des Austauschs. Gemeinsam zu lachen, zu diskutieren und Erlebnisse zu teilen, gab mir neue Energie. Und ich lernte nette Menschen kennen, denen es auch so erging.

Dieser Schritt war für mich ein großer Wendepunkt. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, beim ersten Gruppentreffen meine Unsicherheit zu spüren, aber auch die Hoffnung, endlich verstanden zu werden. Schritt für Schritt begann ich, mein Schweigen zu überwinden und öffnete mich langsam für andere. Die ehrlichen Gespräche, das gemeinsame Lachen und manchmal auch die geteilten Tränen schenkten mir ein neues Gefühl von Zugehörigkeit. Endlich hatte ich das Gefühl, nicht mehr allein zu sein und ein kleines Stück meines Selbstvertrauens zurückzugewinnen.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass kleine Schritte Großes bewirken können. 

Ich entdeckte meine Fähigkeiten und wollte mich ehrenamtlich engagieren. Durch diese Aktivitäten lernte ich nicht nur andere Menschen kennen, sondern auch mich selbst besser zu verstehen und zu akzeptieren.

Heute blicke ich mit Dankbarkeit zurück. Die Einsamkeit hat mich viel gelehrt – vor allem, dass Offenheit und Geduld der Schlüssel sind, um neue Verbindungen zu knüpfen. Mein Weg war nicht immer leicht, doch er hat sich gelohnt.

Aus Trauer zu neuer Lebensfreude

Miteinander wieder Freude finden
von Monika Herrendorf

Am 9.9.2023 ist mein Mann nach 52 Ehejahren gestorben. Ich bin dadurch in ein tiefes Loch gefallen und es war gar nicht so einfach, da wieder rauszukrabbeln.

Erst war es der Umzug in eine kleinere Wohnung, dann hab ich in der „Residia“ [Pflegeheim], gleich gegenüber von meiner Wohnung, angefragt, ob man Hilfe gebrauchen kann. Nun bin ich mit zwei anderen Frauen jeden Donnerstagnachmittag dort tätig. Ich jetzt schon seit eineinhalb Jahren. Wir singen mit den Bewohnern und lesen auch Geschichten vor.

„Wir selber haben viel Spaß …“

Ich zum Beispiel übersetze plattdeutsche Dönchens, denn die wenigsten verstehen Platt. Ab und zu versuch ich es, muss dann aber auch die hochdeutsche Version zum Besten geben. Wir selber haben viel Spaß und dass wir donnerstags erscheinen, kommt bei den Bewohnern sehr gut an. Wir werden jedes Mal mit großem „Hallo!“ begrüßt.

Zwischentöne: Die Kraft einer Botschaft

Eine trübe Wolke löst sich auf
von Lieselotte Degenhardt

Neulich traf ich im Supermarkt nach erledigtem Einkauf eine Bekannte, die mich freundlich an­sprach, sie schien auf mich gewartet zu haben. Und während ich meinen Rucksack mit den Waren füllte, zog sie mich in ein lebhaftes Gespräch. Ich wunderte mich über ihr reges Interesse an mir, meinen Lebensumständen, meiner ungewöhnlichen Wohnsituation. Sie fragte, was ich denn sonst so treibe und ob ich noch Gedichte schreibe. Bald blickte sie un­ruhig Richtung Kas­se, wandte sich einer anderen Frau zu und verabschiedete sich schnell mit ei­nem Lächeln: Sie waren jetzt mein Lückenfüller. Perplex sah ich ihr hinterher, mein empfindsames Herz zog sich mimosenhaft zusammen.

„Ich bin dankbar für das großartige Geschenk unterwegs zu sein.“

Eine Woche ist vergangen, ich sitze am Tisch und möchte einer älteren Dame herzliche Geburtstagsgrüße schreiben. Draußen tanzt das bunte Herbstlaub und in mir kreiseln immer noch die unliebsamen Worte. Bin ich die Ersatzspielerin auf der Reservebank, bin ich nur ein Lückenfüller? Aus heiterem Him­mel öffnet sich der Knoten. Ich höre die Zwischentöne, die Kraft ihrer Bot­schaft. Die trübselige Wolke löst sich auf. Ich greife zum Stift, er fliegt nur so über das weiße, leere Blatt Papier. Ich reihe Wort an Wort, fülle Zeile für Zeile. Ja, ich bin ein Lückenfüller! Wie wundervoll!

Gleich ziehe ich meine Wolljacke an, schnüre die Wanderschuhe, gehe hinaus in den goldenen Oktober, bringe die Glückwünsche zum Briefkasten, sehe das Lächeln der alten Dame. Über mir eine Formation Kraniche. Wer weiß, wohin der Weg mich führt und wem ich begegne. Ich bin dankbar für das großartige Geschenk unterwegs zu sein.

Einsamkeit entgegenwirken

Mit der Veröffentlichung dieser Geschichten möchten wir Mut machen und zeigen, wie das Miteinander in unserer Gesellschaft funktionieren kann.

Wenn Sie oder ein Menschen, der Ihnen am Herzen liegt mit Einsamkeit kämpfen geben wir in unserer Broschüre Tipps, was Sie konkret tun können, um Einsamkeit entgegenzuwirken und den Zusammenhalt in Ihrem Umfeld zu stärken.

Broschüre zum Download